Der Steve Jobs des Viktorianischen Zeitalters

Guglielmo Marconis 10 Lektionen zum Erfolg

Guglielmo Marconi: Vater der modernen Kommunikationstechnologie, erfolgreicher Grossunternehmer, revolutionäres Erfinder-Genie, Nobelpreisträger, Retter der Titanic-Überlebenden, unverbesserlicher Schürzenjäger und Playboy. Portrait eines unternehmerischen Genies, der heutige Startup-Methoden bereits vor mehr als 100 Jahren erfolgreich einsetzte.

Marconi

Guglielmo Marconi entwickelte im ausgehenden 19. Jahrhundert die kontaktlose elektromagnetische Signalübertragung, welche wir heute als Funk kennen. Seine Entdeckungen sind Grundlage moderner Kommunikationstechnologien wie Telefon, TV, Internet und Radio.

Doch Marconi war nicht nur revolutionärer Forscher und Erfinder, sondern auch ein geschickter Entrepreneur, der sich bereits vor über 100 Jahren modernster Startup-Methoden bediente. Sein Gespür für neue Technologien und sein Sinn für erfolgreiche Geschäftsmodelle machten ihn zum Pionier-Unternehmer und zum Steve Jobs des Viktorianischen Zeitalters.

10 Lektionen aus einem packenden Erfinderleben:

Lektion 1: Leidenschaft ist der Schlüssel

Guglielmo Marconi wuchs Ende des 19. Jahrhunderts in Norditalien auf. Er war ein schlechter Schüler und nichts deutete darauf hin, dass er es zum globalen Grossunternehmer bringen wird. Doch bereits in der Kindheit entwickelte er eine Leidenschaft für Funktelegrafie und elektromagnetische Wellen. Als 10-jähriger fing er auf dem Dach seiner Eltern Blitze ein und mit 16 Jahren führte er erste Experimente mit drahtloser Telegrafie durch. Diese Leidenschaft aus frühen Jahren entwickelte sich zum lebenslangen Antrieb und machte Marconi zum Weltstar und zur historischen Figur an der Schwelle zum 20. Jahrhundert.

Lektion 2: Empathie und Interesse schaffen Visionen

Marconi liebte die Schifffahrt und besuchte oft den Hafen von Livorno, wo er mit vielen Seefahrern in Kontakt kam. Dort entstand seine Vision, die ihn ein Leben lang antreiben sollte: Er wollte Schiffen die Möglichkeit geben, auf hoher See Kontakt mit dem Festland und anderen Schiffen zu halten – mit Hilfe elektromagnetischer Wellen, die ihn seit seiner Kindheit so sehr faszinierten. Bis dato waren Schiffe auf den Weltmeeren isoliert, konnten nur über Sichtkontakt kommunizieren und bei Gefahr keine Hilfe anfordern.

Erkenntnis 3. Das richtige Umfeld ist entscheidend

Marconi hatte seine Leidenschaft und Vision gefunden. Doch im noch jungen und eher unbedeutenden Italien des 19. Jahrhunderts sah er keine Zukunft und zog ins fortschrittliche England – der damaligen militärischen und technologischen Grossmacht mit dem best-ausgebildeten Telegrafen-Netz.

Erkenntnis 4: Starte klein, denke gross

Mitte der 1890er-Jahre führte Marconi erste öffentliche Versuche mit der neuen Funktechnologie durch. Zu Beginn sandte er Nachrichten über wenige Meter und steigerte dann die Distanz kontinuierlich. Schon mit diesen ersten drahtlosen Übertragungen löste er Begeisterung aus, doch Marconi steckte seine Ziele weit höher. Er wollte die neue Technologie in der Praxis einsetzen, die Schifffahrt revolutionieren, drahtlose Nachrichten über enorme Distanzen versenden und sie schliesslich über den Atlantik schicken.

Erkenntnis 5: Finde die besten Leute und lass dir helfen

Marconi verstand, dass sein technologisches Wissen allein keinen Erfolg bringen würde – er musste zum Unternehmer werden um seine Visionen in die Tat umzusetzen. Nach den ersten experimentellen Erfolgen und der Patentanmeldung für das drahtlose Übermitteln elektronischer Signale gründete Marconi 1897 die Wireless Signal Company (später: Marconi Company). Er erkannte den Wert einer soliden Finanzierung und fand finanzkräftige Partner, die sich an seiner Firma beteiligten.

Als er seine Experimente ausdehnte und erste Versuche plante um über den Atlantik zu kommunizieren engagierte er John Ambrose Fleming, damals anerkannter Professor für Elektrotechnik und Kraftanlagen. Ohne die Hilfe Flemings und seinem Wissen zu Kraftwerken wäre eine Übertragung der Funkwellen über sehr grosse Distanzen nicht möglich gewesen.

Erkenntnis 6: Baue und experimentiere

Um über den Atlantik zu funken, baute Marconi in England und Neufundland grosse Sende- und Empfangsstationen mit Kraftwerken und riesigen Antennen. Doch beide Stationen wurden von heftigen Stürmen zerstört. Da das Geld knapp zu werden drohte, improvisierte Marconi mit Drachen und Ballonen anstelle von aufwändigen Antennen – und schafft den wissenschaftlichen Durchbruch: Ein erstes kabelloses Signal wurde über den Atlantik versandt; eine wissenschaftlich-technologische Revolution der Weltgeschichte.

Erkenntnis 7: Scheitere und lerne

1899 stand Marconi vor seinem ersten grossen, unternehmerischen Coup – und scheiterte grandios. Die Amerikanische Kriegsmarine liess sich die neue Funk-Technologie von Marconi vorführen. Als jedoch zwei Schiffe gleichzeitig Nachrichten versandten, wurden die Mitteilungen unlesbar. Die beiden Signale hatten sich gegenseitig gestört. Aufgrund dieses Fehlschlags entschied sich die Navy gegen Marconis Lösung und für den weiteren Einsatz der bewährten Brieftauben. Marconi hingegen setzte sich erneut an seine Technologie und fand eine Lösung zur Störungsvermeidung: das Funken über verschiedene Frequenzen. Diese technologische Erweiterung des Ursprungspatents ist in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzen. Und sie ermöglichte auch den unternehmerischen Durchbruch. Schon bald erhielt Marconi Aufträge von Lloyds und der britischen Marine. Und bis heute ist die Frequenzunterteilung Grundlage moderner TV-, Radio- und Telefon-Technologien. Ohne den Fehlschlag bei der US Marine hätte Marconi diese entscheidende Weiterentwicklung vielleicht nie geschafft.

Erkenntnis 8: Sei bereit dein Geschäftsmodell zu verändern

Durch die ersten Geschäftserfolge rief Marconi mächtige Feinde auf den Plan. Die Englische Postbehörde sah ihr Monopol auf das private Telegrafie-Geschäft verletzt und drohte mit einem Rechtsstreit. Diesen wollte Marconi unbedingt verhindern und änderte sein Geschäftsmodell. Statt Funkstationen zu verkaufen, vermietete er nun Funker samt Ausrüstung an Schifffahrtsgesellschaften und Landstationen und leitete den Funkverkehr nur innerhalb des eigenen Netzwerkes weiter. Juristisch galt dies als betriebsinterner Funkverkehr, welcher das Monopol der Post auf private Telegrafie nicht tangierte. Geschäftlich war die Verleihung des Funks hoch-profitabel.

Erkenntnis 9: Wenn dich die Grossen bekämpfen oder kopieren bist du auf dem richtigen Pfad

Die grossen Amerikanischen Telegrafie-Unternehmen Western Union und Anglo American bekämpften bereits die ersten Versuche Marconis auf Neufundland mit ihren Monopol-Ansprüchen. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. orderte Industriespionage gegen Marconi an und forcierte den Aufbau des Konkurrenz-Unternehmens „Telefunken“. Trotzdem war es stets Marconi, der Technologie und Geschäftsmodelle in immer neue Sphären entwickelte und die staatlichen, langsamen und behäbigen Grosskonzerne hinter sich liess. Marconi weichte jedem Rechtsstreit aus und taktierte sich so geschickt zum Marktführer. Er glaubte an seine Vision und an die Kraft seiner Idee, deren Zeit gekommen war.

Erkenntnis 10: Kommunikation ist entscheidend

Marconi wusste sehr genau, wie wichtig gute Öffentlichkeitsarbeit ist. Durch seine technologischen Fortschritte und sein Leben als Playboy erreichte er ohnehin grosse Aufmerksamkeit. Zugleich führte er regelmässig spektakuläre, öffentlichkeitswirksame Versuche und Experimente durch und pflegte Kontakt zu den Reichen und Mächtigen seiner Zeit. Im Jahr 1899 berichtete Marconi drahtlos vom Wettkampf zweier Segelyachten um den America’s Cup und erfand so nebenbei die erste Live Sport-Übertragung der Geschichte: eine Sensation mit grosser Wirkung auf die Öffentlichkeit.

Abschliessende Gedanken

Marconi schuf im ausgehenden 19. Jahrhundert ein klassisches disruptives Geschäftsmodell. Die Methoden moderner Startup-Kultur verfolgte er schon vor mehr als 100 Jahren und wurde nicht nur zum kreativen Erfinder und erfolgreichen Geschäftsmann, sondern auch zur historischen Figur. Als die Titanic im Jahr 1912 sank, sandten die Marconi-Funker auf dem Dampfer ständige Positionssignale und Hilferufe ab. Wenige Stunden später erreichte die Carpathia die Stelle und rettete über 700 Personen aus dem eisigen Polarwasser. Der britische Post-Minister meinte später dazu: „Alle die gerettet wurden, waren von einem Mann gerettet: Mr. Marconi.“
Der Untergang der Titanic etablierte die Funktechnologie in der Schifffahrt vollends und wenig später gelang ein internationaler Konsens, dass alle Funk-Stationen jeglich Nachrichten weiterzuleiten hätten. Marconis Vision, die Isolation von Schiffen auf den Ozeanen durch die Funktechnologie zu beenden, war Wirklichkeit geworden.
Als Person war Marconi sicherlich nicht immer einfach. Gescheiterte Beziehungen, Freundschaften und Ehen sowie seine späte Mitgliedschaft in italo-faschistischen Organisationen sind Teil seines Lebens wie die beeindruckenden Leistungen. Doch Marconis Verdienst ist seine revolutionäre Forschung, die den Nährboden unserer modernen Kommunikationsgesellschaft schuf. Marconis Geschäftssinn und seine missionarische Zielstrebigkeit machten ihn zum Steve Jobs des Viktorianischen Zeitalters.

Interesse an einer Strategie- Marketing- oder Innovationsberatung vom Autor? Hier geht’s zum Kontakt

Über den Autor 

Linus Oertli ist Gründer und Geschäftsführer der Online Marketing-Agentur Klickwerkstatt. Seit 2009 betreibt er Online Marketing für mittlere und grössere Unternehmen. Innerhalb des Blogs online-mediaplanung.ch setzt sich Linus intensiv mit Online Marketing und dem Spezialgebiet Online Mediaplanung auseinander.

Comments Closed